Bei den tausenden Möglichkeiten, die es gibt, ist die Entscheidung gar nicht so einfach. Ich habe mich dazu entschlossen, einen siebenmonatigen Freiwilligendienst in Indien anzutreten.
Der Youth Football Club ist eine Organisation, in der Fußball, Unterricht und Entwicklung vereint werden, um Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Schichten die Möglichkeit auf eine bessere Zukunft zu geben. Neben dem Empowerment durch Sport geht es dabei auch primär um allgegenwärtige Probleme, wie Umwelt, Aufklärung, Diskriminierung, Drogen, Hygiene und Gewalt. Es werden fast wöchentlich Veranstaltungen auf die Beine gestellt, darunter Workshops, Turniere, Weiterbildungen und Diskussionsrunden, dabei arbeitet der YFC insgesamt mit mehr als 4000 Kindern und Jugendlichen in mehr als 40 Dörfern zusammen. Neben Trainingscentern gibt es auch ein Therapiezentrum und Kabaddi- und Wrestlingangebote. Die Fußballakademie in Rurka Kalan, in der ich arbeite, ist das Herz der NGO.
Ich bin sehr glücklich hier. Mein Aufgabenbereich umfasst neben Büroarbeit auch die Unterstützung im Englisch- und Politikunterricht, außerdem bin ich Co-Trainerin einer Mädchenmannschaft. Der YFC legt seinen Schwerpunkt ganz bewusst auf Gleichstellungsarbeit und thematisiert Sexismus und Gewalt gegen Frauen in zahlreichen Angeboten, was mir, als überzeugter Feministin, die Möglichkeit gibt, mich in diesem Bereich besonders stark zu engagieren. Und leider ist das in Indien auch bitter nötig. Die Mädchen hier sind alltäglich Diskriminierung und Säkularisierung ausgesetzt und es ist nicht nur berührend zu hören und zu sehen, was für schockierende Erfahrungen sie tagtäglich machen, sondern auch wie stark und selbstbewusst diese Mädchen während der Zeit im YFC werden.
Die Arbeit hier ist sehr abwechslungsreich: Ich fahre mit den Mädchen auf Turniere, entwickle eigene Projekte, wie momentan einen mehrtägigen Workshop zur UNO, bin für Öffentlichkeitsarbeit und Presse verantwortlich und habe alle Freiheiten, eigene Ideen umzusetzen. Die Kombination aus Fußball, Büro und Unterricht ist auf jeden Fall alles andere als langweilig.
Ich habe den Freiwilligendienst aus verschiedenen Gründen gewählt. Zum einen denke ich, dass der YFC perfekt zu meinen Interessen, Fähigkeiten und Einstellungen passt, zum anderen wollte ich die Freiheiten und Möglichkeiten nach dem Abitur nutzen, mal aus der „westlichen Wohlstandsblase“ herauszukommen. Ich denke, jeder junge Mensch, der in einer so sicheren Gesellschaft aufwächst, sollte sich anschauen, was unser Reichtum mit der anderen Seite der Erdkugel macht und sich selbst bewusst machen, dass es größere Probleme auf der Welt gibt, als das neueste Smartphone zu besitzen. Hier habe ich tagtäglich mit Menschen zu tun, die geschlagen, misshandelt und systematisch diskriminiert und unterdrückt werden und sich nicht wehren können, weil ihre Stellung in der Gesellschaft angeboren ist. Und trotz all dem sehe ich hier viel öfter lächelnde Gesichter als in Deutschland, darüber sollte man mal nachdenken…
Ich kann Freiwilligendienste jedem empfehlen, der Lust hat, Erfahrungen fürs Leben zu machen, Menschen zu unterstützen und andere Kulturen zu entdecken. Man sollte solche Reisen auf jeden Fall erwartungs- und vorurteilsfrei antreten, dann wird man eine Zeit erleben, die einen definitiv prägt und die man sicherlich nie vergessen wird.
Paula Roschig – Abitur 2018